Silvester

Es wäre der perfekte Tag zu sterben. Am Ende des wohl beschissensten Jahres der letzten Jahre. Und das, obwohl ich mein Fachabi geschafft habe. Es würde so schnell niemandem auffallen, wenn ich mich umbringen würde. Dass ich gerettet werden würde und überlebe wäre auch unwahrscheinlich. Jeder ist besoffen, mit sich selbst beschäftigt, feiert. Es wäre zu perfekt.

Auf der anderen Seite wäre es ein guter Zeitpunkt, um neu anzufangen. Mit guten Vorsätzen. Neue Wege zu gehen und vielleicht etwas mehr Hoffnung zu haben. Aber wie soll das gehen?
Die Hoffnungslosigkeit ist einfach zu groß, ich zu tief in der Depression.

Im Moment wandeln meine Pläne für Sylvester minütlich. Auf der einen Seite will ich mir was schönes kochen, mir einen ruhigen, schönen Abend machen, einfach mal die Ruhe genießen. Im nächsten Moment möchte ich auf den Berg fahren, mit dem Auto, dem Alkohol, den Tabletten und den Rasierklingen, um dem ganzen ein Ende zu setzen.

Ich werde es hoffentlich meiner Betreuerin heute abend erzählen. Hoffentlich schickt sie mich nicht in die Klinik. Aber das Risiko muss ich eingehen. Ich muss das los werden.

Abgrund

Ich stehe mal wieder vor dem Abgrung. Ich habe keine Kraft mehr, ich kann und will nicht mehr kämpfen. Will einfach nur aufgeben. Irgendjemand anders soll die Verantwortung für mich tragen. Ich kann nicht immer nur stark sein. Ich kann nicht immer nur kämpfen. Doch jeder geht davon aus. Ich möchte eine Überdosis nehmen, mir den ganzen Körper aufschneiden. Ich möchte nicht mehr Leben. Aber ich muss kämpfen. Ich muss leben. Ich darf nicht schneiden. Ich muss alles aushalten und irgendwann breche ich wieder vollkommen zusammen.
Ich will in die Klinik. Aber in eine gute, wo ich keine negativen Erfahrungen mit habe. Und in eine, in der man sich um mich kümmert, wo ich nicht egal bin. Am besten in die KJP nach Marsberg. Aber der Zug ist leider abgefahren… Ich muss alleine klar kommen, irgendwie…

(Ich bringe mich nicht um. Ihr müsst euch keine Sorgen machen.)

Weihnachten

Ich habe Weihnachten echt gut überstanden. So gut wie lange nicht mehr. Heiligabend war echt schön und auch wirklich erträglich. Meine Tante, weswegen ich immer Angst davor habe, hat endlich kapiert, dass ich nicht über den Grund meiner Krankheit reden möchte, und schon gar nicht an einem Feiertag. Und sowieso möchte ich nicht über meine Krankheit sprechen – zumindest nicht mit ihr. Eigentlich rede ich da mit kaum jemanden meiner Verwandten drüber.
Und schöne Geschenke gab es auch =) Nichts großes, aber viele Kleinigkeiten und darüber freue ich mich ja eigentlich viiiieeel mehr 🙂

Nur leider habe ich in der letzten Woche vielleicht 10 Stunden geschlafen, insgesamt. Jede 2. Nacht gar nicht, dann immer mal 2 Stunden, wenn es hoch kommt. Ich lag viel im Bett, aber schlafen konnte ich nicht. Gar nicht. Nicht mal entspannen oder ausruhen. Heute habe ich mit meiner Betreuerin geschrieben und sie hat mir ein wenig Angst gemacht. Sie meinte, auf Dauer könnte das ziemlich schlimm Enden. Sie erklärte das so: Mein vegetativen Nervensystem würde irgendwann durchdrehen, dadurch könnten Halluzinationen entstehen. Und ein unverarbeitetes Trauma zusammen mit Halluzinationen kann zu einem Horrortrip werden. Und eine psychose auslösen, in der ich dann immer mehr versinkte und ohne intensive Hilfe nicht raus komme.
Jetzt kämpfen die 2 Anteile in mir wieder: Medis wieder nehmen oder nicht? Nebenwirkungen ertragen, dafür aber dem worst case entgehen oder das Worst case herrausfordern, aber eben auch keine Nebenwirkungen ertragen müssen. Ich habe ihr das mit den 2 Anteilen geschrieben und sie hat gesagt, ich soll das alles mal aufschreiben und so. Habe ich dann eben gemacht und ihr geschickt, in der Hoffnung, es war nicht allzu durcheinander und sie versteht es. Eine ewig lange Mail ists geworden oO Ich zitter voll… Was an vielem liegen könnte: Schlafmangel, weil mir dauerhaft kalt ist dadurch oder eben durch Anspannung. Ich vermute alles, fühlt sich auch so an.

Mein Kreislauf versagt auch schon, durch den Schlafmangel. Ich habe für nichts mehr Kraft. Vorhin beim Einkaufen bin ich fast umgekippt.

Gut. Weihnachten habe ich nun überstanden. Jetzt muss ich nur Sylvester überstehen….

Feiertage

Die Angst vor den Feiertagen lies mich letzte Nacht schon nicht schlafen. Jetzt hält sie mich wieder wach. Noch schlimmer ist die Angst vor Silvester, aber das ist noch ein wenig hin und davor sehe ich meine Betreuerin, A., noch 2 mal. Mein Lichtblick war, dass ich mein Herzensmädchen am Mittwoch sehen würde. Doch leider geht das doch nicht. Sie fährt zu ihrer Cousine und kommt spät abends erst wieder. Nachsten Tag muss sie wieder in die Klinik. Die Chancen, Weihnachten heile zu überstehen, sanken schnell und tief. Dann habe ich mit meiner besten Freundin geschrieben, wir sehen uns am Mittwoch :3 Ich habe mich so gefreut. Wenn sie wüsste, wie sie mich damit rettet.
Und dann ist zumindest der Familienscheiß schon vorbei. Donnerstag geht es dann ins Theater, darauf freue ich mich, wirklich. Das ist immer sehr lustig. Und am Freitag kommen meine Mädels aus der Realschule zum Wichteln ♥ Ich freue mich darauf auch sehr. Aber ich habe angst, dass meiner Wichtelpartnerin ihr Geschenk nicht gefallen wird. Das wäre doppelt schlimm. Früher war sie meine beste Freundin, wir waren unzertrennlich von der 8. bis zur 10. Klasse. Und jetzt wusste ich einfach nicht, was ich ihr schenken sollte. Ich hoffe, es gefällt ihr. Aber uns geht’s gott sei dank allen so und wir sind alle der Meinung, dass einfach die Geste zählt 🙂
Also Weihnachten werde ich überleben. Aber Sylvester… davor habe ich Angst, große Angst.

Immer schlimmer

Heute Mittag dachte ich noch, die Gedanken sind nicht so stark, überwältigend. Ich müsste mir keine Sorgen machen, die Kontrolle zu verlieren.
Habe mich so gefreut, dass ich mich 2 Wochen nicht geschnitten habe. Möchte mal wieder schwimmen gehen. Habe meine Schwester gefragt und wir wollen nach Weihnachten vielleicht schwimmen gehen. Ich freue mich drauf, doch gleichzeitig habe ich mir jetzt eine eigene Falle gegraben. Noch eine weitere Woche nicht selbst verletzen. Trotz der Feiertage, den Gedanken – die sicher weniger stark werden würden, wenn ich mich verletzen würde. Der Drang, mich zu töten, würde sicher weniger werden. Doch nun muss ich über die Weihnachtstage damit leben, dass alles immer schlimmer und immer stärker wird. Und damit, dass ich es aushalten MUSS. Dass es keinen Ausweg gibt und niemanden, der mir helfen kann. Niemanden und nichts.
Die Bilder in meinem Kopf werden immer mehr, aussagekräftiger. Die Gedanken dazu immer drängender. Doch ich werde standhalten, ich MUSS stand halten. Muss das alleine schaffen. Ohne Hilfe, Unterstützung.

Tag in der Tagesklinik

So, nun könnt ihr lesen, warum es für mich so schlimm war. Habe das aus einer Mail raus kopiert, die ich einer Email-Freundin geschickt habe. Rechtschreibfehler sind vermutlich genug vorhaben, was solls.

Vielleicht könnt ihr es ja halbwegs nachvollziehen.

Ich will schreiend weg rennen, wenn ich daran denke. Ich war dort genau einen Tag. Danach habe ich die ganze Zeit zu Hause geheult und wollte lieber weg laufen, sogar sterben, als da nochmal hin zu gehen.
Es war so chaotisch dort, ich war so alleine, niemand hat sich für mich zuständig gefühlt. Alles war so unorganisiert. Ich meine, ich bin auch chaotisch und alles, aber wenn ich in so eine Einrichtung gehe, brauche ich klare Struktur und Ordnung. Regeln. Und nicht, dass jeder machen kann, was er will. Das war so komisch, ich bin dahin, und war voll überzeugt, dass diesmal zu schaffen und vorran zu kommen, soweit zu kommen, dass ich danach alleine klar komme soweit. Ich wollte mich auf etwas neues einlassen. Und dann geh ich dahin, war um kurz vor 8 da, da wurde mir gezeigt wo es frühstück gibt und gesagt, dass um viertel vor 9 Morgenrunde ist. Ich wusste nicht wo, nichts. Niemand hat mir die Station gezeigt. Und die Mitpatienten waren so gruselig. Niemand hat geredet, alle kamen mir vor, wie stark sediert wie auf einer geschlossenen Akutstation. Und dann bei der morgenrunde auch. Und ich kam mir vor wie ein Geist. Niemand hat Notiz von mir genommen, nicht mal das Personal. Nach der Morgenrunde dann ein kurzes Infogespräch, mit einem Pfleger, der sich sehr lustig fand und mindestens genau so krasse Stimmungsschwankungen hatte wie ich. Er hat mich fast schon nieder gemacht wegen meinem Gewicht, hat sich lustig darüber gemacht, dass ich Vegetariern bin. Und auch darüber, dass ich keinen Saft vertrage. Fand er alles sehr lustig. Und zu dem Gewicht meinte er, wenn ich nicht abnehmen würde dort, würde ich sehr schnell raus fliegen. Weil ja meine Gesamtverfassung und die Arbeit an mir sich auch in meinem Gewicht wieder spiegeln würden. Hat irgendwas von einem Methabolischem Syndrom geredet, habe mich bis heute nicht getraut, dass zu googeln.
Und wenn ich nicht immer zu jedem ehrlich wäre, würde ich auch fliegen. Auch wenn es mir schlecht geht, und ich nichts sage. Ich fühlte mich unter Druck gesetzt. Und verarscht, als er mir sagte, dass es 2 Stunden gibt, wo das Büro Sprechzeiten hat, und wenn die Tür zu ist, soll man auch nicht klopfen. Aber sich immer melden, wenn was ist?!
Das hat mir alles Angst gemacht. Und dann sind plötzlich alle Patienten wie ausgewechselt gewesen, als ich aus dem Gespräch kam. Schrien rum, stritten sich, tanzten, erzählten lautstark… als hätten sie zu viel Aufputschmittel bekommen. Und ich war immer noch wie ein Geist. Ich habe die ganze Zeit nur daran gedacht, dass ich sterben möchte, habe überlegt, ob ich sterben würde, wenn ich aus dem 2. Stock springen würde. Ärztliche Untersuchung hatte ich auch. Und dann noch die Frage, ob ich suizidal sei und sie Angst haben müsste, dass ich ausm Fenster springe oder vors nächste Auto laufe. Sie sagte dann, dass mir wohl kaum was passieren würde, wenn ich da raus springen würde und lachte. Ich fand das nicht lustig, weil ich die ganze Zeit aus dem Fenster gestarrt habe und überlegt habe, ob ich so dem Horror entkomme oder es schlimmer wird. Ihr dann glaubhaft zu machen, dass ich mich nicht umbringen wollte, war gar nicht so schwer. Lächeln auf, ein bisschen erzählt, dass Suizidgedanken immer da wären aber nicht akut. Sie war sehr schnell überzeugt.
Und ich habe danach und dazwischen und immer wieder nur gewartet, bis die Zeit vorbei geht und ich endlich heim kam. Die meiste Zeit habe ich damit verbracht, zu überlegen, wie ich aus diesem Albtraum aussteigen kann. Ohne schlimme Folgen.
Außerdem ging es mir insgesamt so verdammt schlecht wie lange nicht mehr über einen längeren Zeitraum. Außerdem kam ich mir selbst so fremd vor… ich war so anders als sonst. Wenn ich reden musste, nur das nötigste und gaaaanz leise, was ich eigentlich nie mache. Und ich war so vergesslich. Wusste nicht wer Personal und wer Patient war (Ehrlich gesagt, konnte man die vom Verhalten auch kaum Unterscheiden….) und ich konnte mir nichts merken, was mir erzählt wurde. Es gab nur einen Gedanken in meinem Kopf: Dem Albtraum entkommen.
Als es vorbei war (Weil ich so feige war, was zu sagen, also dass es mir schlecht geht, blieb mir nichts anderes über, als 8 1/2 Stunden durchzuhalten, was vermutlich nur klappte, weil ich den Großteil der Zeit nur in Dissos war…)
Zu hause habe ich alles erzählt, war wirklich fertig. Am Abend ist der Knoten geplatzt, ich habe geheult und geheult, wollte lieber abhauen oder sterben, als da nochmal hin zu müssen. Habe mit meiner Betreuerin geschrieben und dann mit meinen Eltern geredet, und gesagt, dass ich da nie mehr hin gehe. Habe gesagt, dass ich lieber Abhaue, als da nochmal hin zu gehen. Ich hatte wirklich krasse Angst davor. Habe dann meine Mutter dazu bekommen, dass sie am nächsten Morgen anruft.  Ich war natürlich zu feige.

Nun ist der Albtraum vorbei und mir geht’s ganz okey. Außer meine kleinen krisen zwischendurch, aber nichts großes.

Naja, einen Tag später, hat mir meine Betreuerin mit geteilt, warum ich den Tag vorher so anders war, so bockig, stur und ängstlich. Erstens wegen der Dissoziation. Aber am Abend als ich nur noch geheult habe, war es wohl mein inneres, verletztes, ängstliches Kind, was sich nicht anders zu helfen wusste, weil es es nicht anders kennt. Und der erwachsene, normale Mensch in mir war untergraben.