Ausgangssperre & Besuchsverbot

Das hab ich nun davon, ich darf frühestens Montag wieder raus und Besuch haben. Weil ich gekifft habe. Und warum? Mir gings gar nicht gut, und ich wollte den Kopf mal frei bekommen. Hat geklappt, doch das hab ich nun davon. Ist alles heute aufgeflogen. Fast alle haben gekifft und/oder Alkohol getrunken. Nach dem gestern mehrere betrunken und ziemlich high waren, ist es endlich aufgefallen. Aber dadurch müssen alle morgen UK abgeben und deswegen hab ichs gleich gesagt. Aber eigentlich bin ich froh, dass es endlich aufgefallen ist und manche raus sind. Einer hat mich ziemlich getriggert, wenn er betrunken war und er war die letzten Tage nur betrunken. Was hier abgeht, das kann sich keiner vorstellen. Aber endlich greifen sie durch. Auch wenn das für mich auch Nachteile hat. So lerne ich wenigstens draus.
Trotzdem gehts mir gerade ziemlich schlecht und ich habe die Befürchtung, dass heute noch was passiert…

Kreislauf

Gestern Abend bin ich zusammen gebrochen. Es war alles zu viel.
Ich wollte nicht mehr essen, hab es abends doch getan und dann alles erbrochen. Lag zitternd auf der Wiese und konnte nicht mehr. Ich wollte auch nicht mehr. Es dreht sich alles im Kreis und nichts geht vorran. Ich kann nicht aus dem Kreislauf ausbrechen.
Mir ging es dann so schlecht, dass ich einen Abschiedsbrief an Papa geschrieben habe und habe angefangen zu weinen. Das erste Mal nach Monaten konnte ich weinen. Ich habe mich dafür entschuldigt, dass ich an seinem Geburtstag sterben werde. Mich für alles bedankt und entschuldigt, dass ich ihm so weh tue und er so leiden muss. Dann habe ich mich ins Bett gelegt, geplant, wie und wann ich mich umbringe und wollte mich wenigstens von Frau P. Verabschieden. Also habe ich sie angerufen und sie ist sogar dran gegangen. Habe ihr gesagt, dass es mir leid tut und dass ich nicht mehr leben kann und will. Habe eine halbe Stunde nur geweint am Telefon und sie blieb ganz ruhig und hat versucht, mich zu beruhigen. Sie hat ein paar Dinge gesagt, die mich zum Nachdenken gebracht haben und dazu, dass ich weiter kämpfe. Aber ich wusste, alleine komme ich damit nicht klar. Ich war so zwiegespalten zwischen leben wollen und mich umbringen. Nach dem Telefonat bin ich zum Personal und habe bescheid gesagt, dass ich starke Suizidgedanken habe. Der Pfleger hat mir Bedarf gegeben und gesagt, wenns nicht besser wird, soll ich mich melden und die Ärztin kommt. Meine Klingen habe ich dann auch abgegeben. Es hat aber nicht geholfen und die Ärztin kam. Sie sagte, es gäbe 2 Möglichkeiten: Ich gehe auf eine andere Station ins Überwachungszimmer, wo rund um die Uhr jemand auf mich aufpasst oder ich bleibe hier und es wird halbstündige Sichtkontrolle geben. Habe mich dann für letzteres entschieden. Habe dann noch ein Bedarfsmedikament bekommen und konnte irgendwann schlafen. Ich war auch so erschöpft und müde. Heute morgen war ich noch erschöpfter. Bin nicht aus dem Bett gekommen..
Heute Mittag hatte ich dann über eine Stunde ein Gespräch mit der Psychologin. Es war anstrengend und ermüdend, aber es war gut. Ich habe ihr von dem Essproblem erzählt und offen und ehrlich alles erzählt, was gestern los war und mich so weit gebracht hat. Es tat gut, dass alles los zu werden. Wir haben dann noch eine Liste gemacht, mit positiven Sachen, die ich machen kann, um mir was Gutes zu tun und eine Skillliste. Hab das alles ja so lange schleifen lassen.
Jetzt geht es mir zum Glück besser, ich habe wieder Ausgang und die Sichtkontrollen wurden abgesetzt.

Leblos

Ich vermisse so viel. Und auch, wenn es gut ist, dass manche Sachen nicht mehr da sind. Manche Zustände oder Gefühle. Es gibt im Moment, ja wie soll ich es ausdrücken? Wenige Momente, die mich lebendig fühlen lassen. Es fühlt sich an wie ein Stillstand. Es gibt kaum Gutes, aber auch nicht so viel Schlechtes, wie letztes Jahr. Leblos. Das Wort passt ziemlich gut. Ich bin leblos. Fühle mich leblos. Die Zeit steht still. Ich bin raus aus dem Leben. Leblos beschreibt mein momentanen Zustand sehr gut. Ich habe lange nach einem passenden Wort gesucht. Einer passenden Beschreibung.

Vermissen

Ich vermisse das Hungern, das kotzen, das trinken und am See liegen. Ich vermisse es, Freunde zu haben, mit den ich schöne Stunden verbringen kann. Ich vermisse meine Wohnung, Menschen die sich um mich kümmern. Das Gefühl von Geborgenheit und Liebe. Ich vermisse viele Menschen. Ich vermisse es, zu arbeiten und zur Schule zu gehen. Ich vermisse das weinen und schreien. Ich vermisse es, wenn das Blut meinen Arm runter läuft. Ich vermisse das Gefühl, von Tabletten völlig breit zu sein und das Gefühl, Schwerelosigkeit zu empfinden. Ich vermisse mein altes Leben. Ich vermisse meine Therapeutin von damals. Die Kinder und Jugendpsychiatrie. Ich vermisse es, in Arm genommen zu werden und gesagt zu bekommen, dass alles gut wird. Ich vermisse meine langen bunten Haare und die langen Partynächte. Ich vermisse es, angstlos zu sein. Ich vermisse das Gefühl, frei zu sein.

Unaushaltbar

Mein Gewicht. Es ist unaushaltbar. Ich musste heute morgen auf die Waage und ich habe einen Schrecken bekommen. Und jetzt beschlossen, dass es nicht so weiter gehen kann. Die denken doch hier auch, was ich für eine fette Kuh geworden bin. Als ich letztes Mal entlassen wurde, hier von der Station, habe ich 98 kg gewogen. Tiefstes Gewicht der letzten Jahre. 20 kg runter gehungert und ausgekotzt. Jetzt wiege ich wieder 109. Fühlt sich schlimm an. Und ich halte das nicht aus. Ab morgen wird gehungert. Und gekotzt, falls ich doch schwach werde. 10 kg. So lange ich hier bin. Das muss doch zu schaffen sein! Wo ist meine Disziplin hin? Wo? Ich werde sie mir zurück erkämpfen! Ich fettes, verfressenes Monster. Ja genau, das bin ich. Heule immer rum, weil ich so fett bin, doch was mach ich dagegen? In letzter Zeit nichts. Aber das nichts tun hat ab morgen ein Ende.

Trigger

Trigger sind überall. Doch meistens triggert mich kaum etwas. Ganz lange konnte kommen, was wolle. Ich konnte Texte, Bücher über alles lesen, alle möglichen Bilder anschauen und es triggerte mich nicht. Darüber war ich sehr froh. Doch im Moment passiert es immer öfter, dass mich jede Kleinigkeit triggert. Ein Wort, ein Satz, ein Bild und ich bin sofort drin im Strudel. Woher kommt das? Ich war doch mal so triggerfest. Und jetzt? Das regt mich auf. Und macht mir Sorgen. Wie soll ich durch die Welt gehen, wenn mich Worte wie ‚Sex‘, ‚Schneiden‘ oder ‚Tabletten‘ triggern? Und das sind nur allgemeine Wörter. Normale Wörter, die im täglichen Gebrauch sind. Von anderen will ich gar nicht erst anfangen.

Nun ist der erste Tag rum, den ich hier bin. Ich bin genau auf der gleichen Station gelandet, wie vor einem halben Jahr. Sogar im gleichen Zimmer, gleiches Bett. Erstes Zimmer neben dem Raucherraum, Bett am Fenster, Blick in den Garten. Schöne Landschaftsbilder an der Wand, gelbe Vorhänge und Wände (warum sind in Krankenhäusern die meisten Wände und Vorhänge gelb? Soll das irgendwie beruhigend wirken?).
Gestern hatte ich noch ein Aufnahmegespräch mit dem AvD, heute psychologische Aufnahme und Oberarztgespräch. Ich hab drei mal das gleiche erzählt, kam mir zum Schluss vor wie eine Kassette, die man immer wieder abspielt. Das Gespräch bei der Therapeutin war gut, sie hat mir auch gleich noch eine Übung gezeigt, womit ich die Bilder weg bekommen könnte, wenn sie mich überkommen. Vor dem Oberarzt hatte ich etwas Angst, weil er letztes Jahr mal ziemlich doof zu mir war, doch auch das Gespräch war gut. Alle sind der Meinung, dass es eine gute Idee war, hier her zu kommen, bevor noch etwas richtig schlimmes passiert. Ich glaube, ich sehe das auch so. Abgesehen von den Momenten, in den alles hoch kommt und ich nur noch will, dass es vorbei geht. Ich bin hier auf der Geschlossenen Station, doch mir macht das im Moment gar nichts aus. Eher im Gegenteil, ich fühle mich viel sicherer. Mich drängt es gar nicht so auf eine offene Station. Da wäre die Gefahr in manchen Momenten zu groß, dass was passiert.
Die Nacht kann lustig werden, ich bin hellwach und an Schlaf ist nicht zu denken. Böse Gedanken kommen auch schon wieder auf. Aber ich steh das schon irgendwie durch. Stay strong!