3er Gespräch und Angst

Morgen ist nun also, nach 5 Wochen glaub ich, wieder Therapie. Wie ihr ja lesen konntet, war das letzte Mal echt schrecklich für mich und ich weiß immer noch nicht, wie ich damit umgehen soll. Es gab seit dem auch keinen Kontakt, außer eine Mail, in der ich ankündigte, dass meine Bezugsbetreuerin mit kommt.
Nach dem letzten Termin hab ich mich selbst verletzt. Nicht schlimm, es musste nicht mal versorgt werden, aber ich habe es getan. Und meine Therapeutin wird wenig davon begeistert sein, was ich absolut verstehen kann! Aber ich habe unendliche Angst, dass sie sauer auf mich ist, ich Ärger bekommen oder irgendwas passiert… ich habe einfach wahnsinnige Angst, wie sie reagiert. Und dann letzte Woche noch die 3 SVs… oh man. Ich ärgere mich ja mittlerweile selbst. Dann seit 1 1/2 Monaten fast durchgehend die Kotzerei…
Ob sie mir glauben wird, dass ich kämpfe? Ich bin froh, dass M. dabei ist. So froh. Weil sie sieht, wie ich kämpfe und sie sieht auch, dass es besser wird. Was ich eher nicht so sehe, weil für mich die letzten Wochen mehr Rückschritte waren als alles andere. Aber sie hat da eher einen objektiveren Blick drauf, als ich, denke und hoffe ich. Also ich versuche ich zumindest zu glauben, wenn sie mich lobt und sagt, wie stolz sie auf mich ist und wie gut ich das mache. Oft sage ich dann „Ja, aber…“ und finde immer ein „aber „. M. hasst das 😀 Aber es ist bei mir so drin. Da seht ihr es, wieder 😀 Ich versuche schon sehr, drauf zu achten. Ich war eben niemals gut genug und immer gab es ein „Aber..“.. und das habe ich jetzt wohl von außen übernommen und werde es nur schwer los :/

Erst hatte ich Angst vor dem Gespräch morgen, weil ich dachte, die beiden würden sich gegen mich verbünden. Nach wochenlanger Qual habe ich das M. gesagt und sie meinte, dass sie das auf keinen Fall tun würde und ja mit kommt, um mich zu unterstützen, und nicht um mir in den Rücken zu fallen.

Bis morgen ist noch so lange hin. Die Zeit geht einfach nicht rum. Ich bin so unglaublich angespannt und ängstlich, unruhig. Würde am liebsten Bedarf nehmen, aber ich glaube, das ist nicht gerechtfertigt. Also muss ich so da durch. Alle möglichen Ablenkungen helfen leider auch kaum. Also sitze ich jetzt vorm Laptop, habe Entspannungsmusik an und hoffe, dass mir das schreiben hilft.
Der Termin ist morgen auch erst um 15.30 Uhr, also noch über den halben Tag morgen rum quälen und warten..:(

Dann muss ich auch wieder in die Tagesstruktur. Diese und letzte Woche war ich kaum dort, weil ich so viele Termine hatte oder verschlafen habe… nun muss ich aber morgen wieder hin. Und ich fühle mich mittlerweile echt nicht mehr wohl dort, weil so viele Neue dort sind und mir das Angst macht. Leider versteht nicht mal M. das 😦 Also muss ich da irgendwie durch… Ich habe auf jeden Fall eine Beschäftigung für die Woche in der Ts 🙂 Hoffentlich geht die Zeit dann schneller rum. Und Freitag muss ich auch nicht den ganzen Vormittag bleiben, weil ich wieder zum Arzt muss wegen der Sv.. 2 mal die Woche die nächste Zeit :/ Aber ich bin selbst schuld… Also muss ich da durch.

Ich will jetzt versuchen, regelmäßig zu essen, und kontrolliert. Ja, da ist sie wieder, die Kontrolle. Aber das brauche ich. Besonders, wenn ich nicht mehr erbrechen will. Heute habe ich 2 kleine Mahlzeiten gegessen und es drin behalten. Mindestens eine Stunde danach war die Qual… auch gerade… hab vor einer 3/4 Stunde gegessen. Wie lange es wohl dauert, bis es weniger quälend ist? Wird es je weniger quälend? Oder muss ich mich drauf einstellen, dass es für immer so bleibt? So viele Fragen, die mir vermutlich eh niemand beantworten kann…
Heute Mittag gab es ein Schälchen Nudeln mit Ei und Salami.. zum Abendessen eine winzige Portion Cornflakes…objektiv betrachtet weiß ich, dass es nicht viel war. Subjektiv gesehen fühle ich mich wie ein Mastschwein… Wie schön wäre es nur, wenn man ohne Essen leben könnte. Wäre es nicht toll, wenn man gar keinen Hunger und Appetit verspüren würde? Wenn es einfach kein Essen geben würde und niemand das brauchen würde?
Das wäre etwas leichter…

Ja, ich will!

Ich will Leben! Ja, wirklich!

Ich glaube, ich habe das hier schon öfter geschrieben. Bis gestern dachte ich, man kann sich nur einmal für oder gegen das Leben entscheiden. Gestern saß ich also bei meinem Ergotherapeut und habe mich, und Ihn auch, gefragt, wofür wir das alles noch machen. Wofür ich kämpfen soll und warum ich nicht aufgeben darf. Dass ich mich im Moment, mal wieder, nicht ganz für das Leben entscheiden kann. Und dass es aber von mir verlangt wird. Dass ich mich frage, ob ich meine Ziele jemals erreichen werde und überhaupt kann. Was meine Ziele überhaupt sind und ob es sich wirklich dafür lohnt zu leben. Dass ich die Kontrolle nicht verlieren will, sie aber so oft verliere, und mir einrede, ich hätte gerade deshalb die Kontrolle und kann die ganze Krankheit nicht los lassen, weil ich sonst die Kontrolle verlieren würde. Das ist so ein Quatsch, das wusste ich sofort und das weiß ich schon so lange. Gestern habe ich, abgesehen von dem, was ich eben erzählt habe, kaum geredet. Dafür hat mein Ergotherapeut umso mehr geredet und ich nachhinein hat mich das unglaublich weiter gebracht.

Er fragte, warum wir immer alles kontrollieren wollen und ja nie die Kontrolle verlieren wollen. Kontrollverluste könnten ja auch schön sein, wie ich ihm letztens noch erzählt habe, nach dem ich das erste mal seit Jahren in meinem Lieblingsclub war und meinen damaligen besten Freund nach Jahren wieder getroffen habe. Da war ich sehr betrunken, hatte kaum Kontrolle, ABER es ging mir trotzdem gut! Also fragte er, warum Kontrollverlust denn immer negativ sein muss. Und warum wir nicht einfach leben können, ohne uns zu fragen warum und wofür. Warum wir streng nach Regeln und Zielen leben müssen, die wir uns meistens selbst gesetzt haben.

Er nannte das Beispiel eines Meeresschwammes. Der lebt Jahrtausende und macht immer das selbe. Er nimmt Nährstoffe auf, wandelt sie um, scheidet sie aus, und so weiter. Er macht sich nie Gedanken darum, warum er nicht mehr macht und warum er nur das eine kann, warum er nicht weiter kommt und immer an einer Stelle bleibt.

Warum also können wir nicht auch einfach Leben? Also wirklich Leben. Das machen, wozu wir Spaß haben und das Leben einfach auf uns zu zu lassen. Das kann doch so schön sein! Ohne viele und strenge Regeln, einfach nur da sein und zufrieden mit dem sein, was man hat und was man ist. Ja, warum eigentlich nicht?

Bewusst hat das erst nicht so viel mit mir gemacht. Aber so im Nachhinein sehe ich, dass es mir schon Kraft gegeben hat. Zuvor war ich Lustlos, motivationslos, voller Selbsthass und träge, traurig und antrieblos. Danach, als ich heim kam, habe ich angefangen, den Haushalt zu machen, Telefonate zu erledigen, Briefe zu schreiben, aufzuräumen, wir was zu essen zu machen und ich habe es drin behalten. Ich hatte wohl doch wieder mehr Motivation und Lebenslust!
Und heute, da denke ich viel mehr darüber nach, was er gestern gesagt hat. Warum muss ich mir so hohe Ziele stecken?
Ich werde versuchen, jetzt mehr zu Leben. Ich will Leben.
Und auch dazu sagte er etwas sehr treffendes: Man muss sich im Leben nicht nur einmal für oder gegen das Leben entscheiden – das muss man immer wieder tun! Und ich habe es heute getan und ich werde alles dafür geben!

Ich möchte ein Leben ohne dauernd zum Arzt laufen zu müssen, weil ich mich mal wieder heftig selbst verletzt habe, oder weil mein Magen rebelliert, weil ich zu sehr in der Essstörung stecke. Ich möchte nicht laufend zur Blutuntersuchung müssen, weil ich durch die ES und SV irgendwelche Mängel habe und ich möchte nicht den Rest meines Lebens so viele Medikamente nehmen müssen. Auch möchte ich nicht den Rest meines Lebens mehr Zeit in Psychiatrien als zu Hause verbringen! Ich möchte irgendwann ein eigenständiges Leben führen, möchte aus der Einrichtung ausziehen, arbeiten oder studieren gehen, vielleicht irgendwann wieder eine Beziehung haben. Ich möchte lernen, mich selbst zu mögen oder wenigstens zu akzeptieren und einen vernünftigen Umgang mit Essen finden. Ich möchte nicht immer abgestempelt werden als die, die psychisch Krank ist und eh nichts auf die Reihe bekommt. Ich möchte was aus meinem Leben machen, ich möchte mein Fachabi nutzen, meine Intelligenz nutzen, mich fordern und fördern.

Ich mache und plane wieder Dinge, die ich früher so gerne gemacht habe. Konzerte, Festivals, Feiern.. höre wieder die Musik, die ich damals gehört habe, und nicht nur aussschließlich nachdenkliches Zeug. Ich baue alte Freundschaften wieder auf, versuche neue zu schließen, die aktuellen aufrecht zu erhalten. Ich möchte endlich wieder LEBEN! Ich stelle mich meinen Ängsten und gebe alles dafür! Trotz der vielen Rückschläge in den letzen Monaten will ich leben! Oder vielleicht gerade deswegen. Auf jeden Fall ist aufgeben das LETZTE, was ich tun werde und will. Ich werde KÄMPFEN!

Jetzt sitze ich hier, bin leider hellwach, weil ich angespannt bin, aber positiv angespannt. Eigentlich wollte ich diesen Text morgen für euch schreiben, aber ich finde gerade irgendwie keine Ruhe und schreibe es deswegen jetzt. Um vielleicht etwas zur Ruhe zu kommen.

Perfektionismus

Alles muss perfekt sein. Keine Ruhe, bevor es perfekt ist. Selbst bei Selbstverletzung kann ich nicht aufhören, bis es ‚perfekt‘ ist… So dumm. Aber es ist unkontrollierbar.

Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, in eine andere Einrichtung zu gehen. Alle sagen, ich würde nicht mehr Betreuung und Hilfe brauchen, ich müsste mir endlich selbst helfen und ich würde hier schon viel mehr bekommen als alle anderen. Seit dem suche ich nicht weiter. Angst, dass es nicht berechtigt ist, wo anders hin zu gehen. Für eine spezialisierte Einrichtung wäre ich übrigens nicht stabil und bereit genug, für Tagesklinik hätte ich auch nicht genügend Stabilität und Kraft.

Nächste Woche habe ich nach 5 Wochen wieder Therapie. Meine Bezugsbetreuerin kommt mit. Ich hab so Angst. So, so Angst. Das wird der Horror. Sie werden sich gegen mich verbünden. Es wird noch mehr Vereinbarungen und Regeln geben, an die ich mich kaum halten kann. Es gibt so viele Regeln, Vereinbarungen und vor allem Verbote, ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht. Ich kann das nicht. Ich kann nicht mehr. Zu viel im Kopf. Erinnerungen, Selbsthass, Ängste usw….